Soziales Projekt der Woche: Stiftung Stay und ihr alternatives Konzept zur Entwicklungszusammenarbeit

Die Stuttgarter Stiftung Stay ist unser soziales Projekt der Woche. Das Team um Benjamin Wolf ist Vorreiter für eine neue Form der internationalen Entwicklungszusammenarbeit, fernab der konventionellen Modelle. Ihr möchtet mehr über die Stiftung Stay erfahren? Dann lest die Geschichte hier in unserem Blog.

Hallo Benjamin, was genau macht die Stiftung Stay so besonders und wie bist dazu gekommen, sie zu gründen?

Mit Stay haben wir das Musterprojekt „Stay Alliance“ aufgebaut und bis 2015 erfolgreich getestet, so dass wir es nun ausweiten können. Darin haben ugandische Sozialunternehmer die Möglichkeit, ihre eigenen Organisationen und Projekte noch größer, besser und wirkungsvoller zu machen. Ich bin seit 16 Jahren in der Entwicklungszusammenarbeit tätig und dabei immer auch auf der Suche nach dem idealen Projekt gewesen. Ich habe aber in all der Zeit kein Projekt gefunden, das eindeutig wirksam ist und gefördert werden sollte. Der Ursprung unseres Projektes liegt deshalb in der Kritik an der klassischen Entwicklungshilfe, die mit westlichen Experten und ihren eigenen Wertvorstellungen in den Ländern seit fünf Jahrzehnten mit viel Geld versucht Projekte aufzubauen, die in der Regel nach Ende der Förderungsdauer aber nicht überlebensfähig sind. Was mich daran stört ist, dass diese Arbeitsweise nicht funktioniert, sich aber das Vorgehen der großen Hilfsorganisationen trotzdem nicht grundlegend ändert. Deshalb haben wir Stay als kleine unabhängige Stiftung gegründet und es uns zur Aufgabe gemacht, durch unser Musterprojekt einen ganz neuen Weg aufzuzeigen.

Wie funktioniert euer Projekt konkret und worin unterscheidet ihr euch dadurch von anderen, konventionell aufgestellten Organisationen für Entwicklungszusammenarbeit?

Mittlerweile sprechen zwar alle Hilfsorganisationen von „Hilfe zur Selbsthilfe“, in der Praxis ist es aber immer noch so, dass die Entscheidungen letztlich von westlichen Projektleitern in Regionalbüros vor Ort getroffen werden und zum großen Teil sogar auf Programme der Mutterorganisation oder der EU zurückgehen. Einheimische NGOs werden dabei höchstens als weisungsgebundene Dienstleister eingesetzt. Wenn wir aber eine Entwicklung wollen, die bleibt, und dafür steht unser Name Stay, dann müssen wir es schaffen, dass diese Projekte in den Ländern verwurzelt sind. Das kann man nicht im Nachhinein künstlich einfügen. Der einzige Weg ist es, schon von Anfang an mit Personen, die aus dem Land kommen zusammen zu arbeiten, und die selbst die Fähigkeit, das Fachwissen, die Erfahrung sowie die Leidenschaft haben ein soziales Thema ihrer Gesellschaft anzupacken. Und die gibt es. Deshalb arbeiten wir in den Ländern mit Sozialunternehmern, die schon vor Jahren oder Jahrzehnten selbst Organisationen gegründet haben und zum Beispiel Gesundheitsstationen, Schulen, Frauen- oder Landwirtschaftsgruppen betreiben. So schaffen sie im ganzen Land von innen heraus Gesundheit, Bildung und Einkommen. Diese Menschen sind echte Treiber von Entwicklung. Sie kennen ihr Land und ihre Sprachen, die Bedürfnisse ihrer Mitmenschen und haben ihre Wurzeln vor Ort. So wird nachhaltige Entwicklung möglich. Das ist eine grundsätzlich andere Haltung, in der Einheimische des globalen Südens ein Maximum an Vertrauen, Freiheit und Selbstständigkeit haben und sich vollständig mit allen Maßnahmen identifizieren.

Wie arbeitet ihr denn mit den Sozialunternehmern vor Ort zusammen und wie entwickelt sich das Projekt?

Um dieses Netzwerk ausbauen und noch mehr Menschen helfen zu können, haben wir die „Stay Alliance“ ins Leben gerufen. Das Ziel dieses Musterprojektes ist es, die weltweite Entwicklungszusammenarbeit zu revolutionieren. Wir bringen Schlüsselpersonen zu einem starken, landesweiten Bündnis zusammen, damit diese dann gemeinsam im ganzen Land soziale Initiativen aufbauen können. Die „Stay Alliance“ ermöglicht es den Sozialunternehmern vor Ort, ihre Maßnahmen zur Armutsbekämpfung zu bündeln, weiter zu verbessern und regional auszuweiten. So können in diesem Bündnis Erfahrungen und Know-how ausgetauscht, Stipendien für die Ausbildung von Krankenschwestern, Lehren und Landwirten vergeben und Weiterbildungen durchgeführt werden; und sie können erleben, welche gemeinsame Kraft zur Veränderung ihres Landes sie haben.

Seit Beginn der Ausweitung sind nun innerhalb von nur 6 Monaten aus den ersten drei Sozialunternehmern 32 geworden. Diese unglaubliche Dynamik zeigt, dass das Projekt den Bedarf trifft und sich bereits von selbst verbreitet. Doch eine wirksame Entwicklungszusammenarbeit braucht Kontinuität. Deshalb verbreiten wir die „Awamu Stay Alliance Uganda“ mittelfristig auch in andere Länder. Und um die Kraft dieses neuen Ansatzes voll zu entfalten, bedarf es vor allem auch der Unterstützung aus westlichen Ländern am größten Engpass und das sind eben die finanziellen Ressourcen.

Im Rahmen eurer Arbeit habt ihr auch die Stuttgarter Kampagne UNTERNEHMER FÜR UNTERNEHMER ins Leben gerufen. Was genau steckt dahinter und wie können sich interessierte Stuttgarter Unternehmer dort engagieren?

Das ist richtig: wir sind schon sehr aktiv hier in Stuttgart, möchten unsere Bekanntheit aber noch mehr ausbauen. Bei unserer Kampagne geht es darum, Stuttgarter Unternehmern einen Anlaufpunkt zu bieten, die gern spenden wollen, aber nicht wissen wofür und sich fragen, wohin das Geld überhaupt fließt. In dieser Kampagne können Unternehmer Pionier, Weltveränderer oder Visionär werden. Als eine Art Pate des Projekts unterstützen sie so die Sozialunternehmer in Uganda dabei, sich zu einem Bündnis zusammenzuschließen und so ihre Arbeit im ganzen Land zu koordinieren. Wir glauben, das Unternehmer hier in unserer Region und Sozialunternehmer in Uganda sehr viel gemeinsam haben und deshalb sehr gut verstehen können, vor welchen Herausforderungen sie im Aufbau ihrer Organisation stehen und wie man diese meistern kann. Zum Start der Kampagne geht es vor allen Dingen darum, den Aufbau des Bündnisses der Sozialunternehmer auch finanziell zu unterstützen. So bieten wir den Unternehmern auch hier in Stuttgart Möglichkeiten, sich untereinander zu vernetzen. Als Plattformen dazu dienen verschiedene Events wie beispielsweise unsere Benefizveranstaltung „Stay Magic“. Hier zaubert der Close-Up Magier Thorsten Strotmann am 20. September 2016 in seiner „Magic Lounge“ ausschließlich für den guten Zweck, denn der gesamte Erlös geht an Stay und damit an die Sozialunternehmer in Uganda.

Wenn Du Stay nochmals gründen würdest, welche Entscheidung würdest Du auf jeden Fall wieder so treffen und was würdest Du anders machen?

Unser großes ehrenamtliches Team, das Projekt in Uganda und die Kampagne hier würde ich genauso wieder aufbauen. In Öffentlichkeitsarbeit und Fundraising hier in Deutschland würde ich allerdings viel früher und stärker durchstarten und nicht so viel Verschiedenes ausprobieren, wie wir es in den letzten Jahren getan haben. Ich würde viel intuitiver eine Strategie auswählen und diese durchziehen bis zum Erfolg.

Vielen Dank Benjamin für die spannenden Einblicke in die Arbeit der Stiftung Stay und weiterhin viel Erfolg!

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